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Die klassische Talkshow ist tot – 5 Gründe

Dies schon inflationäre Zunahme der Anzahl an Talkshows müsste theoretisch einen Qualitätsanstieg zur Folge haben, doch das Gegenteil ist der Fall: die klassische Talkshow ist eher tot als lebendig. Denn jedwede Lebendigkeit, die durch ausgewogene Gäste und einer guten Gesprächskultur entsteht, wurde nach und nach im Keim erstickt. Darum hier mal ein Blick, warum aus meiner Sicht die Talkshows nur noch vor sich hin senden, ohne den Anspruch zu haben, wirklich die Menschen am Fernseher zu überzeugen oder informativ weiter zu bringen. Bestenfalls etwas Unterhaltungswert haben selbst politische Rederunden, ohne dass am Ende irgendetwas verändert wurde oder Dinge auf den Weg gebracht werden.

Positionen: in erster Linie geht es darum, in der vorhandenen Zeit von ca. 1 Stunde sich die maximale Redezeit zu erarbeiten, die notwendig ist für das loswerden der einzelnen vorbereiteten Wortbausteine. Diese werden gleich einem Raster folgend und gefühlt permanent vorher geübt, auf den thematischen Gegner und am Ende dadurch auch auf den Zuschauer raufgeprügelt. Dabei ist scheinbar wichtig, dass man keinen Zentimeter von der eigenen Position auch nur ansatzweise bereit ist, abzurücken – denn das würde im eigenen Lager als Schwäche interpretiert und so ist man auch durch die Erwartungshaltung im selbigen dazu verdonnert, permanent die eigenen Positionen unterzubringen und gegebenenfalls zu wiederholen. Das führt ab dem dritten Mal zu einer gewissen Langeweile und man fragt sich, wann der Gesprächspartner mal aus seinem Verhaltensmuster heraus bricht und einfach nur im Sinne eines Dialoges sich öffnet gedanklich auch für andere gegenteilige Positionen von den weiteren Personen im Kreis.

political correctness: man muss aber nicht nur wegen des eigenen Umfeldes unglaublich aufpassen, wie man etwas formuliert, sondern vor allem in der Zeit mit Twitter, Facebook und anderen sozialen Medien, darauf wie es ankommt da draußen in der fremden Welt der Zuschauer. So hat man sich mit der Zeit eine eigene Sprache zugelegt, die sich anhört wie ein Dialekt und wo man sich absichtlich oder manchmal vielleicht auch unabsichtlich abhebt von der Sprache der Wähler. So wird bei jeder Gelegenheit -und sei sie manchmal völlig unpassend- die weibliche Form von allem, was männlich ist, dazu gesagt. Das beste Beispiel hierzu fällt mir nur ein in einer Rede im Bundestag von Ursula von der Leyen, in der sie von „Not am Mann und an der Frau“ sprach. So in etwa, wenn man nie eine Gruppe sprachlich ausschließen will oder vor den Kopf stoßen will, klingen die gestanzten Sätze von Politikerinnen und Politikern in den Redebeiträgen. Denn sonst folgt ja vermutlich sofort der Shitstorm in Form von Hashtags, Kommentaren oder Blogbeiträgen. Ich meine: manchmal ein klares und emotional deutliches Wort hat mehr Überzeugungskraft als die aneinandergereihten politisch korrekten Worthülsen, wo am Ende sich im Kern alle einig sind und kaum mehr Unterschiede sichtbar werden.

Gäste: gefühlt sitzen bei jeder Talkshow in den öffentlich-rechtlichen TV Sendern immer wieder die gleichen Leute, wie zum Beispiel Wolfgang Bosbach, der ungekrönte König aller Fernseh-Laberrunden – danach kommt gleich der Stoiber-Edmund und Ralf Stegner. In der Kategorie „alle gegen einen“ gewinnt der eine, Bernd Lucke von der AFD mit dem vierten Platz bei der Häufigkeit an Auftritten in Fernseh-Talkshows. Bei den Frauen belegen die ersten Plätze Sahra Wagenknecht von den Linken sowie Marina Weisband, die ehemalige Piratin. Gefolgt werden sie von Yasmin Fahimi und gleichauf im letzten Jahr Claudia Roth und Ursula von der Leyen. Wenn man die Namen liest, dann merkt man schon manchmal, dass man die eine oder andere Stimme schon ob der Dauerpräsenz nicht mehr hören kann bzw. dass man sich ganz einfach in einem Abnutzungseffekt irgendwann wünscht, dass da zu bestimmten Themen nicht immer die gleichen Personen mit dem gleichen Sprachduktus und den immer gleichen Argumenten sitzen. Einfach, um dieser ganzen Diskussion mal eine andere Farbe zu geben und nicht zwingend nur, weil man eine Person aus der Öffentlichkeit nicht mehr sehen kann. Es gibt auch viele Politiker, die würden in der Pflicht stehen für Auftritte aus der zweiten Reihe im Parlament in die erste Reihe bei ARD und ZDF. Auch dürfte es nicht verboten sein, ganz normale Mitbürger einzuladen, um mal ein Gespür dafür zu bekommen, wie die Argumente oder Positionen bei den potentiellen Wählern (vorher oder nachher) denn so ankommen. Es gibt genügend freiwillige Helfer oder ehrenamtlich tätige, die für so eine öffentliche Belohnung in Form einer Einladung infrage kommen würden und das auch verdient hätten, dass ihre Stimme mal gehört wird.

Statistik: Meisteingeladene Gäste in den Talkshows von ARD und ZDF nach der Anzahl der Einladungen im Jahr 2014 | Statista
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Verkauf: ein weiterer Grund für den Niedergang der klassischen Talkshow sind zweifelsfrei die Gäste selbst, wenn sie angeblich nur kommen, wenn sie ein neues Buch, ein neues Album oder einen neuen Film zu präsentieren haben, das wird oft etwas spielerisch noch mal erwähnt – im Grunde tun mir diese Menschen aber leid, die nur in die Sendung kommen um am Ende irgendetwas in die Kamera zu halten oder die Menschen zu bitten, das eine oder andere zu tun. Man muss solche Dinge und Entwicklungen konsequent unterbinden und wenn prominente oder andere Menschen nicht in einer Show oder Sendung kommen wollen, in der sie nicht für ihre eigenen Interessen und Verdienste werben dürfen, dann lädt man halt jemanden anderen ein. Das kann ja eigentlich nicht so schwer sein, hier gleichwertigen Ersatz zu finden. Mich jedenfalls nervt es sehr und wenn es zu große Ausmaße annimmt, dann schaue ich die Sendung auch nicht mehr oder denke, dass vielleicht die Person gar keine Lust hat auf Fernsehen, sondern nur auf Geld.

Gesprächsführung: auf der einen Seite werden immer öfter einfach nur Fragen gestellt, um die schon vorgefertigte Antwort zu hören oder um einen Haken hinter die Frage auf dem Zettel zu machen und auf der anderen Seite gibt es kaum die Möglichkeit für einen Antwortenden, mal in Ruhe eine Frage in mehreren aufeinanderfolgenden Sätzen zu beantworten und zu begründen. Sofort ist entweder der Reflex da, dass andere Diskutanten sich gegenseitig ins Wort fallen bzw. ungefragt einbringen oder die Antwort dauert offensichtlich zu lange und die gesprächsleitende Person bricht aus freien Stücken die Antwort ab. Es ist immer eine Art von Ungeduld, die man auch als Anrufer bei einer Hotline verspürt, an deren Ende der Leitung eine Uhr runterläuft und das Gespräch bald endet. Man muss einer Sendung und auch den Gästen mehr Zeit geben oder die Anzahl der Personen reduzieren. Aber immer 5 + 1 läuft sich irgendwann tot, weil jeder gleichermaßen zu Wort kommen möchte und der ständige Kampf quasi spürbar ist um jede Minute. Denn es wird ja nicht nur gesprochen, es gibt dann noch Einspieler auf die reagiert werden muss und eventuelle Reaktionen inklusive Verabschiedung am Ende – das alles geht der im Grunde von der Sendezeit 60 Minuten ab. Zurück bleibt der Zuschauer mit dem Eindruck, dass vieles Teil einer Inszenierung ist, wo jeder wir in einem Theater seine Rolle spielt und ein Ausbruch aus diesem Muster große Probleme nach sich ziehen könnte, wie zum Beispiel, dass man sich nicht mehr im Kreis der einzuladen Gäste für das laufende Jahr befindet oder dass eine gewisse negative Stimmung für Wut sowie Enttäuschung sorgen könnte. So haben beide Seiten einen Interesse daran, die Sendezeit mit wohlklingenden Worten zu füllen, die oft nicht wehtun und keine Narben hinterlassen. Nur der Klang der Beliebigkeit hat immer die gleiche Frequenz und entfernt sich irgendwann vom Menschen.


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