Berlin, U7 im Berufsverkehr: Kein Zug fährt

Jeder kennt das ja, den ganzen Tag gearbeitet und dann endlich Feierabend – ab in die Ringbahn, die zwar auch schon voll ist aber noch im erträglichen Maße. Man hält vielleicht gerade noch den etwas schief fließenden Sitznachbarn aus oder sein Gegenüber, dass ein Schluck nach dem anderen aus der 0,5-Liter-Bierflasche trinkt und sie später leer zwischen seinen Beinen abstellt. Auch dass es kein Problem, genauso wenig wie die Menschen, die in die Bahn einsteigen und ihren Psalm herunter beten – daran hat man sich in Berlin schon längst gewöhnt und hält das für normal. Da sich auch kein offizieller Mitarbeiter daran zu stören scheint, wie auch an anderen Dingen wie die gleiche Stelle mit dem erbrochenem an der Tram-Haltestelle, die man auch mal hätte Weg putzen können, macht es wohl auch wenig Sinn auf Hinweise in diese Richtung.

Aber ich wollte nicht abschweifen – stehen geblieben war ich ja in der S-Bahn, genauer gesagt im Ring und schon voller Vorfreude auf die letzte Umsteigehaltestelle Jungfernheide. Man stellt sicher auf alle Gegebenheiten ein, so habe ich mir angewöhnt schon im letzten oder vorletzten Teil einzusteigen, um einen möglichst kurzen Weg von der Bahn zur Treppe zu haben. So kann man als erster vor der ganzen jetzt im Winter dunkel gekleideten Masse schnellen Schrittes Richtung U-Bahn laufen das Aussteigen aus dem hinteren Abteilbereich hat auch den Vorteil, dass die seit Ende November herausragenden Stangen an der Stelle, wo mal ein Imbiss war, nicht aus Versehen übersehen kann und stolpert. Lange Zeit hat auch dies niemand interessiert und ein kurzes Stück Metall ragte aus dem Boden mitten auf dem Bahnhof Jungfernheide, wo jeden Tag hunderte S-Bahnen noch mehr Fahrgäste ein- und ausladen. Das nur am Rande, weil ich grad der täglichen Wegbeschreibung bin.

Ich renne also unter die Treppe, dann rechts herum an den anderen Fahrgästen die ebenfalls in die U-Bahn möchten, mit einer gekonnte Kurve vorbei und dann die Rolltreppe runter. Dabei muss man immer die eine Rolltreppe verwischen, die gerade in Funktion ist und nicht aus Versehen defekt ist. Das kann manchmal sein, dass einfach mal gar keine Rolltreppe funktionsfähig ist und dann andere Mal ist man schon froh, dass wenigstens eine geht bzw. rollt. Auf eben solcher funktionierender Rolltreppe war ich also unterwegs und alle meine Sinne nahmen wahr: die Beute ist nah, die Jagd kann beginnen. Hände auf die Seitenbänder der Rolltreppe und jede zweite Stufe übersprungen, dann Zickzack-Kurs durch die aus der U-Bahn strömenden Menschen – doch plötzlich das Signal! Die Türen gehen gleich zu und ich musste noch zwei Menschen ausweichen. Da ich eigentlich nicht unter Stress war, habe ich souverän reagiert und gönnerhaft U-Bahn fahren lassen, die nächste wird er schon bald kommen. Da war es 17:47 Uhr und während ich so ausatmete, hebt er sich mein Kopf Richtung Anzeige, wann denn nun die nächste U-Bahn kommen möge, ob es den drei oder doch erst in fünf oder sogar erst sieben Minuten sein wird. Meine Augen seien folgendes:

natürlich musste ich bei dem Anblick, dass die nächste Bahn der Linie sieben Richtung Rathaus Spandau erst in 26 Minuten kommen sollte, herzlich schmunzeln und auch die anderen Fahrgäste guckten sich teils fragend und teils lachend an über den Fehler, der da unter dem Wort Abfahrt steht. Man hatte das Gefühl, die BVG macht einen kleinen Gag, um die kurze Wartezeit mit einem Spaß zu versüßen. Nun wartet man also, aber nicht auf die U-Bahn, sondern darauf, dass der Fehler auf der Anzeigetafel wieder korrigiert wird und nichts passierte. Ein paar Minuten später gesellte sich unter den Text oben noch ein zweiter, dass die übernächste U-Bahn der Linie sieben Richtung Rathaus Spandau dann zwei Minuten auf die nächste folgen würde. Jetzt fingen auch andere Fahrgäste an, Fotos wie hier von mir zu sehen von der Anzeigetafel zu machen, ungläubig ob der unwahrscheinlichen Zeit, an den die nächste U-Bahn kommen würde. Doch so langsam reifte der Gedanke heran, dass dies kein Irrtum oder technischer Defekt der Anzeigetafel sein würde, sondern bittere Realität.

Denn der Bahnhof-Jungfernheide wurde natürlich immer voller von den anderen Fahrgästen, die dann folgend bei 20 Minuten, 15 Minuten oder auch noch bei zehn Minuten schnaufend die Anzeige betrachteten und gleichzeitig überrascht waren über den immer voller werdenden U-Bahnhof Jungfernheide. Tja, wenigstens konnte ich das ganze Theater von Anfang an mitverfolgen und natürlich stimmte auch die Angabe nicht über die 26 Minuten Wartezeit, sondern die nächste U-Bahn kam letztendlich um 18:29 Uhr und jeder kann sich auch ohne Uhr oder Taschenrechner ausrechnen, wie viel Platz in einer U-Bahn wohl sein würde, die schon auf den vorherigen Bahnhöfen alle ebenfalls angestauten Fahrgäste mitzunehmen hatte. Genau. Also ging ich das Risiko ein und vertraute ein weiteres Mal der Anzeige, die mir für übernächste Minute die nächste U-Bahn versprach. Die war dann auch einigermaßen begehbar und so fuhr ich meine Stationen bis nach Hause, ärgerte mich einerseits über die verlorene Zeit und andererseits musste ich auch ein wenig schmunzeln über diese Geschichte.

Trotzdem fand ich es beschämend, dass nicht ein einziger Mitarbeiter oder eine einzige Durchsage auf dem U-Bahnhof Jungfernheide über den aktuellen Stand oder den Grund zu sehen oder zu hören war – das war alles Mögliche, nur keine vernünftige Kundenbetreuung bzw. Informationspolitik. Man muss nicht bei jeder kleineren Verspätung sofort eine Durchsage machen, aber weil solch einer tief greifenden Veränderung der Abläufe ist es vielleicht sinnvoll, die zahlende Kundschaft zumindest über den aktuellen Status zu informieren. Auf dem Bahnhof darüber von der Gegenrichtung hörte man ab und zu Durchsagen, dass der Zugverkehr gestört sei, aber auf dem betroffenen Bahnhof war dies nicht der Fall, während auf der Gegenrichtung immer wieder Zug um Zug fuhr. Das Problem ist auch die mangelnder Alternative gewesen, würde es vom Bahnhof Jungfernheide irgend einen Bus mit einer etwas anderen Linienführung geben Richtung Spandau, hätte man auf diese zurückgreifen können – aber man ist auf diese blöde U-Bahn angewiesen und man denkt ja auch zu Anfang nicht, dass es wirklich so eine lange Wartezeit werden würde. Und ist ein gewisser Punkt überschritten, dann hält man auch die restliche Zeit noch auf dem Bahnhof auf. Das war jedenfalls mal wieder negativ Werbung von der BVG in Sachen Information und Störungen bzw. wie man sie umgeht. Niemand kümmert sich, niemand informiert mindestens über Durchsagen und letztendlich sind die Fahrgäste auf sich allein gestellt. Zum Glück keine Katastrophe.

 

Author: FunTaManGo

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